Verschiedenes

Zwei Millimeter Probleme

Autor: Alexej

Vor zwei Monaten, kurz vor dem Urlaub, bemerkte ich, dass etwas aus meiner Fußsohle herausragte. Im Sommer laufe ich viel und gern barfuß, deshalb dachte ich zuerst, ich hätte mir einen Rosendorn oder einen dünnen Metallsplitter eingetreten. Dann kam mir ein anderer Gedanke: Vielleicht ist es eine Dornwarze.

Durch die durchscheinenden oberen Hautschichten war ein kleiner schwarzer Punkt zu sehen. Ich versuchte, ihn herauszuholen. Nachdem ich eine Weile damit gekämpft hatte, sah ich ein, dass es mir nicht gelingen würde, und verschob es auf bessere Zeiten. Große Beschwerden machte er damals nicht, auch wenn ich die Stelle weiterhin spürte.

So fuhren wir in den Urlaub.

Ich weiß nicht genau, was dann geschah. Vielleicht begann das Metall zu oxidieren, vielleicht begann der Körper, den Fremdkörper abzustoßen. Jedenfalls wurde mein Urlaub dank Schmerz und Schweiß unvergesslich. Jeder Schritt vom frühen Morgen an – zum Laden, zum Strand oder einfach irgendwohin – bereitete keinerlei Freude.

Das Gehen wurde immer schwerer. Ich setzte den Fuß falsch auf und krümmte die Zehen, um die Sohle vor diesem Schmerzpunkt zu schützen. Morgens taten mir schon die Sehnen weh. Irgendwann wusste ich nicht einmal mehr, ob ich die achthundert Kilometer zurück nach Hause noch selbst fahren könnte.

So ging es etwa drei, vier Tage.

Und dann verschwand der Schmerz.

Ich spürte zwar immer noch, dass dort etwas war, aber es tat nicht mehr weh. Zu Hause maß ich dem keine große Bedeutung bei, und so verging fast ein weiterer Monat.

An der Stelle des Splitters begann dicke, verhornte Haut zu wachsen. Beim Gehen spürte ich sie, und sie schmerzte wieder. Da dachte ich, ich hätte mich wohl von Anfang an geirrt. Vielleicht war da nie ein Draht oder Splitter gewesen, sondern einfach ein gewöhnliches Hühnerauge.

Ich kaufte allerlei Pflaster und begann, gegen das Hühnerauge anzukämpfen, zumal die Haut an dieser Stelle immer dicker wurde und weiterwuchs. Allmählich hatte ich mich fast davon überzeugt, dass meine erste Vermutung falsch war und dort kein Fremdkörper steckte.

Doch gestern beschloss ich, der Sache noch einmal auf den Grund zu gehen.

Ich weichte den Fuß gut ein, stellte eine helle Lampe bereit, setzte die Brille auf, nahm eine Pinzette und Desinfektionsmittel. Nach und nach begann ich, die verhornte Haut abzutragen.

Und wieder sah ich den schwarzen Punkt.

Denselben, den ich vor zwei Monaten gesehen hatte.

Nach einiger Zeit und mit etwas Mut arbeitete ich mich so weit zu diesem Punkt vor, dass ich ihn mit der Pinzette greifen und herausziehen konnte.

Gott sei Dank habe ich eine gute medizinische Pinzette. Ihre Spitzen erlauben sehr feine Handgriffe, und genau deshalb konnte ich etwas so Winziges fassen.

Und hier auf dem Foto liegt neben meinem Fingernagel diese Metallfaser. Nur wenige Millimeter. Sie steckte etwa zwei Monate in meinem Körper.

Warum habe ich mich überhaupt entschlossen, dieses Hühnerauge aufzukratzen?

Weil das Gehen zuletzt fast unerträglich geworden war. Ich krümmte wieder die Zehen und setzte den Fuß falsch auf. Die Sehnen schmerzten. Morgens tat inzwischen nicht mehr so sehr die Stelle des Splitters weh, sondern die Sehnen. Es fiel mir schwer, den Fuß zu beugen und Treppen zu steigen.

Mein Leben ist recht aktiv. Ich muss mich viel bewegen und körperlich fit sein. Und ich spürte, wie alles allmählich in eine völlig andere Richtung ging.

Heute Morgen bin ich zum ersten Mal ohne diesen Schmerz aufgewacht.

An der Stelle des Splitters ist noch etwas verdickte Haut. Beim Gehen fühlt es sich an, als klebe ein Stück Kaugummi an der Sohle. Aber der Schmerz ist weg.

Manchmal meinen wir, unser Leben werde von Politikern, vom Chef, von den Kindern, von Ehefrau oder Ehemann bestimmt. Wir erwarten gewaltige Umstände, gewaltige Probleme, die in den Lauf unseres Lebens eingreifen und alles verändern können.

Doch ein Splitter von zwei Millimetern kann dein Leben aus der Bahn werfen.

Er zwingt dich, den Fuß anders aufzusetzen. Du fängst an, die Zehen zu krümmen. Die Belastung der Sehnen verändert sich. Dann kann es sich auf die Hüfte auswirken, später auf Rücken und Wirbelsäule. Und wegen einer winzigen Faser beginnt ein Mensch allmählich, seine ganze Lebensweise zu ändern.

Wieder einmal bin ich überzeugt: Beim Allerhöchsten ist alles unter Kontrolle.

Wir erwarten oft, dass etwas Großes und Furchterregendes unser Leben beeinflusst, und unterschätzen dabei völlig die Kleinigkeiten.

Dabei kann manchmal gerade eine Kleinigkeit die Richtung unseres ganzen Lebens ändern.

Deshalb ziehe ich für mich noch einen Schluss: Jede noch so kleine Faser steht unter der Kontrolle des Allerhöchsten.

Gepriesen sei der Allerhöchste, der eine so unendliche Ordnung in dieser gewaltigen Welt geschaffen hat.

Gesegnet sei Sein Name dafür, dass Er uns Gesundheit schenkt und über alles wacht, was in unserem Leben geschieht – bis hin zu einer so winzigen Faser.

Klaus
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