Geistliches Frühstück

Neid

Autor: Dima

Neid gehört zu jenen menschlichen Gefühlen, die wir uns selbst gegenüber besonders schwer eingestehen. Wir können uns aufrichtig über die Erfolge anderer Menschen freuen, ihre Fähigkeiten achten und zugleich ein unangenehmes Gefühl verspüren, wenn ihnen gelingt, was wir selbst nicht erreicht haben. Besonders häufig geschieht das unter Menschen, die derselben Tätigkeit nachgehen, wenn die Leistungen von Kollegen zu einer ständigen Erinnerung an die eigenen Möglichkeiten und Grenzen werden. In den Pirkei Awot (4:21) heißt es: „Neid, Begierde und Ehrsucht bringen den Menschen aus der Welt.“ Mir scheint, hier geht es nicht nur um die moralische Gefahr des Neides, sondern auch darum, wie sehr er einem Menschen das Leben verderben kann. Denn Neid ändert an unseren tatsächlichen Umständen praktisch nichts, wohl aber an der Art, wie wir uns selbst wahrnehmen. Was gestern noch Zufriedenheit schenkte, erscheint heute unbedeutend, nur weil jemand anderes mehr hat. Der Mensch hört auf, die eigenen Leistungen wahrzunehmen, entwertet seine Arbeit und gewöhnt sich allmählich daran, sein Leben an den Ergebnissen anderer zu messen. Das Problem des Neides liegt nicht darin, dass wir die Erfolge anderer bemerken, sondern darin, dass wir sie als Beweis unseres eigenen Unvermögens zu deuten beginnen.

In der jüdischen Tradition gibt es die wichtige Vorstellung, dass jeder Mensch eigene Möglichkeiten, eigene Umstände und eine eigene Verantwortung vor dem Allmächtigen hat. Das bedeutet nicht, dass uns unser Schicksal im Voraus bekannt wäre oder dass wir uns mit jedem Zustand abfinden müssten. Im Gegenteil: Der Mensch ist verpflichtet, sich zu entwickeln, zu lernen, zu arbeiten und die ihm gegebenen Möglichkeiten zu nutzen. Dabei muss man jedoch verstehen, dass der Lebensweg eines anderen kein allgemeingültiger Maßstab für unseren Erfolg sein kann. Wir sehen die Leistungen eines anderen Menschen, wissen aber längst nicht immer, welchen Preis er dafür bezahlt hat, mit welchen Schwierigkeiten er zu kämpfen hat und was in seinem Leben jenseits unserer Aufmerksamkeit geschieht. Mehr noch: Jeder von uns hat Fähigkeiten und Lebensumstände, die sich nicht allein nach gesellschaftlicher Stellung, materiellem Wohlstand oder beruflicher Anerkennung bemessen lassen. Im Talmud (Bava Batra 21a) ist vom Wetteifer der Gelehrten die Rede, der die Weisheit vermehrt. Das lässt einen wichtigen Unterschied erkennen zwischen dem Neid, der den Menschen zerstört, und dem Streben, von denen zu lernen, die mehr erreicht haben. Man kann auf die Leistungen anderer mit Gereiztheit und Kränkung blicken – oder versuchen zu verstehen, was sie uns lehren können. Der Erfolg eines anderen muss nicht zur Ursache unserer Unzufriedenheit mit uns selbst werden. Er kann zum Anlass werden, die eigenen Anstrengungen zu überdenken, neues Wissen zu erwerben und sich weiterzuentwickeln.

Für mich ist hier besonders die Frage wichtig, wie wir überhaupt unseren eigenen Wert bestimmen. Wenn er ganz davon abhängt, wie viel erfolgreicher wir sind als andere, wird innerer Frieden praktisch unerreichbar. Es wird immer jemanden geben, der mehr weiß, mehr verdient, größere Fähigkeiten besitzt oder mehr Anerkennung erhält. Folgt daraus aber, dass unser eigenes Leben weniger bedeutsam wird? In den Pirkei Awot (4:1) heißt es: „Wer ist reich? Wer mit seinem Anteil zufrieden ist.“ Diese Worte werden manchmal als Aufruf verstanden, auf das Streben nach mehr zu verzichten, obwohl die Zufriedenheit mit dem eigenen Anteil den Wunsch nach Entwicklung keineswegs ausschließt. Vielmehr geht es um die Fähigkeit, das zu schätzen, was man bereits hat, ohne die eigenen Wünsche zu einer ständigen Quelle der Unzufriedenheit zu machen. Man kann nach beruflichem Aufstieg, besseren materiellen Verhältnissen und neuen Erfolgen streben, ohne Abneigung gegen diejenigen zu empfinden, die das Ersehnte bereits besitzen. Und vielleicht lautet eine der nützlichsten Fragen, die man sich in Momenten des Neides stellen sollte: Was will ich wirklich – etwas erreichen, das mir selbst wichtig ist, oder einfach nicht weniger haben als ein anderer? Der Unterschied zwischen diesen Wünschen ist gewaltig. Im ersten Fall bewegen wir uns auf unsere eigenen Ziele zu, im zweiten lassen wir zu, dass fremde Erfolge unseren inneren Zustand bestimmen. Die Fähigkeit, sich über den Erfolg anderer zu freuen, ohne das eigene Leben abzuwerten, ist kein Verzicht auf Ehrgeiz, sondern Ausdruck innerer Freiheit. Denn unsere Würde bemisst sich nicht daran, wie sehr wir unsere Mitmenschen übertreffen, sondern daran, wie wir mit unseren Möglichkeiten umgehen, wie wir anderen Menschen begegnen und was wir tatsächlich in diese Welt einbringen.

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